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An einem frostigen Freitagabend in Bochum-Hordel bebte das kleine Stadion am Glücksburger Weg, als Marvin Fink in der 86. Minute den Ball über die Linie drückte. 23.012 Zuschauer - Rekordkulisse für den TuS Hordel - sahen ein Spiel, das lange nach einem 0:0 roch, ehe Fink mit einem trockenen Rechtsschuss die Geduld der Heimfans belohnte. Die Anzeigetafel zeigte am Ende 1:0 (0:0) gegen den FC Godesberg - ein Ergebnis, das wohl eher in die Kategorie "Arbeitssieg mit Herzklopfen" fällt. Dabei hatte Godesberg eigentlich alles im Griff. Mehr Ballbesitz (57 zu 43 Prozent), die etwas klareren Kombinationen und elf Abschlüsse aufs Tor - aber das Netz zappelte nur einmal, und da war es auf der falschen Seite. Hordel konterte, wie es Trainerin Ute Finkeldy offenbar im Morgengrauen im Kaffeesatz gelesen hatte: "Wir wussten, dass wir laufen müssen wie die Irren", grinste sie nach dem Spiel, "und wenn Marvin mal einen trifft, dann ist meistens Feierabend." Die erste Hälfte bot den Zuschauern ein Wechselbad aus Halbchancen und Fehlpässen, garniert mit einer Prise Verzweiflung in beiden Strafräumen. Schon in der 5. Minute prüfte Godesbergs Sven Hanke den Hordeler Nachwuchskeeper Kay Fuhrmann, der die Kugel gerade noch über die Latte lenkte. "Ich dachte, der ist schon drin", gab Hanke später zu. Wenig später versuchte sich Volker Lange aus 20 Metern - wieder Fuhrmann, diesmal im Superman-Stil. Auf der anderen Seite segelte Mathias Stefan in der 7. Minute in eine Flanke, doch sein Kopfball verfehlte das Tor deutlich. Bis zur Pause blieb es ein Spiel der verpassten Möglichkeiten. Godesberg kombinierte gefällig, aber ohne Durchschlagskraft. Hordel lauerte auf den Umschaltmoment, doch Ernst Kunkel und der junge Günther Pfeiffer schossen mehr Zuschauer ab als das Tor. 0:0 zur Halbzeit - und manch einer am Bierstand schwor, das Spiel sei bereits entschieden. Doch Finkeldy hatte noch Pfeile im Köcher. Zur Pause wechselte sie gleich dreimal: Heller, Herbst und der erfahrene Keeper Montgomery kamen ins Spiel - und brachten Stabilität. "Ute hat uns in der Kabine gesagt, wir sollen Spaß haben", verriet Abwehrchef Charlie Bradshaw. "Ich hab sie gefragt, ob sie das ernst meint - bei minus zwei Grad." Bradshaw selbst war später noch einmal der stille Held des Abends: In der 86. Minute schlug er einen langen Diagonalball, wie aus dem Lehrbuch für Fußballromantiker. Marvin Fink nahm ihn mit der Brust herunter, ließ Gegenspieler Murray aussteigen und schob eiskalt zum 1:0 ein. Ein Tor aus dem Nichts, aber mit Ansage. "Charlie hat den Ball geflankt, als wäre er Beckham. Ich musste nur noch den Fuß hinhalten", lachte Fink, der seinen Treffer mit einem angedeuteten Schneeballwurf Richtung Trainerbank feierte. Godesberg versuchte in den letzten Minuten alles, Coach Rafael Nadal - ja, genau der Namensvetter - schickte seine Männer nach vorne. "Wir hatten Chancen, aber kein Glück", knurrte er in der Pressekonferenz. "Vielleicht war das Spielfeld zu kurz." In der 89. Minute noch einmal ein Schuss von Außenverteidiger Adrian Piechaczek - knapp vorbei. Danach pfiff der Schiedsrichter ab, und das Stadion explodierte förmlich. Statistisch gesehen war’s ein enges Match: 12 Torschüsse Hordel, 11 Godesberg, Zweikampfquote fast pari, Ballbesitz leicht bei den Gästen. Doch Fußball wird bekanntlich nicht in Prozentpunkten entschieden. Sondern in Momenten - und den hatte Hordel. Gelb sah Bradshaw in der 80. Minute, als er einen Konter mit einem rustikalen Bodycheck stoppte. "Ich wollte nur helfen", meinte er später mit einem Grinsen. Die Fans nahmen’s mit Humor - und sangen ihm nach dem Schlusspfiff ein Ständchen, das wohl noch durchs Ruhrgebiet hallte. Am Ende blieb der TuS Hordel seiner Linie treu: offensiv, konterstark, manchmal wild, aber mit Herz. Finkeldy fasste es zusammen: "Wir sind nicht die Schönsten, aber wir gewinnen gern hässlich." Ein Satz, der an diesem Abend besser passte als jeder taktische Bericht. Und während die Flutlichtmasten langsam erloschen, standen die Fans noch singend auf den Rängen. Vielleicht, weil sie wussten: Solche Spiele vergisst man nicht - auch wenn sie nur 1:0 enden. 10.10.643987 20:46 |
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Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.
Franz Beckenbauer