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Spätes Donnerwetter in Gelsenkirchen: TuS Hordel stiehlt Punkt in letzter Sekunde

Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob Fußballgötter Sinn für Ironie haben. 30.697 Zuschauer in der Arena von Gelsenkirchen 04 erlebten ein Spiel, das eigentlich schon entschieden schien - bis ein 18-jähriger Innenverteidiger namens Meik Heine in der 92. Minute beschloss, sich unsterblich zu machen. Sein Schuss zum 1:1-Endstand gegen den Favoriten Gelsenkirchen 04 ließ die mitgereisten Fans aus Hordel (und einige neutrale Beobachter) in ungläubiges Staunen verfallen.

Dabei hatte alles so gut begonnen für die Hausherren. Gelsenkirchen startete offensiv, mit viel Ballbesitz (am Ende 51 Prozent) und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen. Bereits in der ersten Minute prüfte Joschua Lindemann den jungen Hordeler Keeper Harald Anders, der mit 17 Jahren sein Zweitligadebüt gab - und gleich mal zeigte, dass er keine Nerven kennt. Trainer Andreas Meyer grinste später: "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber der Junge hat ihn irgendwie noch rausgekratzt. Respekt."

In der 23. Minute fiel dann das längst überfällige 1:0. Marvin Mayer, der flinke Rechtsaußen, verwandelte nach feinem Zuspiel von Lukas Engelhardt eiskalt. "Das war einstudiert", behauptete Mayer nach dem Spiel augenzwinkernd - worauf Engelhardt trocken entgegnete: "Klar, so wie mein Führerschein."

TuS Hordel, von Trainerin Ute Finkeldy mutig auf Konter eingestellt, wirkte in der ersten Halbzeit vor allem mit sich selbst beschäftigt. Vier Gelbe Karten in den ersten 30 Minuten - Fynn Huber, Robert Held, Sascha Günther, alle notiert vom Schiedsrichter, als wolle er ein Sammelalbum füllen. "Wir wollten eigentlich den Ball spielen, nicht die Gegner", seufzte Finkeldy später, "aber die Jungs waren wohl etwas übermotiviert."

Gelsenkirchen hingegen kombinierte, schoss (12 Torschüsse insgesamt!) - und ließ Chancen liegen, als ginge es um eine Wette. Lindemann vergab gleich drei Hochkaräter, Tomas Ledig schoss den Ball in der 50. Minute fast in die Nordkurve, und selbst der sonst so sichere Jannick Bach traf in der 67. Minute nur den Pfosten. "Wenn wir auf Handballtore gespielt hätten, wäre das Ding 6:0 ausgegangen", murmelte ein Fan auf der Tribüne, während der Stadionsprecher versuchte, die Laune mit Musik zu retten.

Nach der Pause brachte Meyer frische Beine: Günter Meissner kam für Yanik Schrader. Doch der Spielfluss blieb zäh. TuS Hordel verteidigte tief, lauerte auf Fehler - und bekam sie. In der 87. Minute sah Lennard Konrad nach einem rustikalen Einsteigen glatt Rot. "Ich hab den Ball gespielt", behauptete er hinterher, während der Ball vermutlich noch immer auf der Tribüne lag.

In Unterzahl verteidigten die Gelsenkirchener wacker - bis zur Nachspielzeit. Dann schlug das Schicksal zu. Ein langer Ball von Günther Pfeiffer segelte in den Strafraum, Meik Heine, der blutjunge Innenverteidiger, schaltete am schnellsten und drosch die Kugel ins Netz. 1:1. Der Jubel der Hordeler Ersatzbank war ohrenbetäubend. "Ich wusste gar nicht, wohin mit mir", stammelte Heine nach dem Spiel, "ich wollte eigentlich nur klären."

Trainerin Finkeldy war nach dem Abpfiff die Ruhe selbst. "Das war ein Punkt des Willens. Wir haben 3 Schüsse aufs Tor gebraucht, um zu treffen. Effizienz nennt man das." Ihr Gegenüber Meyer hingegen verzog das Gesicht: "Wenn du so viele Chancen hast und am Ende nur 1:1 spielst, dann weißt du, dass Fußball manchmal ungerecht ist. Oder du Gelsenkirchen 04 bist."

Statistisch gesehen war alles klar: Mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfquote (56 zu 44 Prozent). Und doch blieb nur ein Punkt. Vielleicht, weil Hordel am Ende einfach mehr glaubte, oder weil die Fußballromantik solche Geschichten liebt - der Underdog, der sich im letzten Moment belohnt.

Als die Flutlichter erloschen und die Fans aus dem Stadion strömten, hörte man einen alten Herrn murmeln: "Früher hätten wir so was in der 85. Minute klargemacht." Ein Junge neben ihm antwortete trocken: "Früher gab’s auch keine 18-jährigen Innenverteidiger, die in der Nachspielzeit treffen."

Ein 1:1, das sich für Hordel wie ein Sieg anfühlt - und für Gelsenkirchen wie eine vertane Chance. Aber eines ist sicher: Wer an diesem Abend in der Arena war, wird Meik Heines Namen so schnell nicht vergessen. Und vielleicht, ganz vielleicht, hat der Fußballgott ja wirklich Humor.

05.06.644003 14:44
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