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Der Hamburger SC hatte sich den Saisonauftakt in der 2. Liga Deutschland sicher anders vorgestellt. 23.959 Zuschauer im Volkspark wollten am Samstagabend die Rückkehr des Traditionsklubs in die obere Tabellenhälfte feiern - am Ende feierten aber nur die Gäste: SV Steuden entführte mit einem frechen 3:2-Sieg die Punkte und hinterließ ratlose Hanseaten. Von Beginn an zeigte sich, dass Trainer Karli Konter seine Steudener bestens eingestellt hatte. "Wir wollten mutig sein, nicht nur den Bus parken", grinste er nach dem Spiel, während sein Gegenüber Bernd Happel in der Mixed Zone mehr mit den Augen als mit Worten rollte. Schon in der 2. Minute prüfte Eugenio Villa, Steudens quirliger Mittelstürmer, den jungen HSV-Keeper Lionel Carvalho mit einem ersten Warnschuss. Es war das Vorzeichen dessen, was folgen sollte. In der 19. Minute dann das 0:1: Der 34-jährige Routinier Humberto Quixano, offenbar mit der jugendlichen Dynamik eines Espresso doppio ausgestattet, nahm einen Steilpass von Rechtsverteidiger Matthias Kraft auf und schlenzte den Ball elegant ins lange Eck. Jubel bei den rund 800 mitgereisten Fans, während Hamburgs Innenverteidiger Celalettin Korkut in die Nacht fragte: "Wo war eigentlich die Absicherung?" Die Antwort kam wenig später - in Form von Leandro Postiga. Der portugiesische Rechtsaußen glich in der 32. Minute nach feiner Vorarbeit von Nico Klose aus. Ein klassisches HSV-Tor: schnörkellos, direkt, und für einen Moment blitzte die alte Leichtigkeit auf. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Spiel", meinte Happel später, "aber dann kam die Nachspielzeit der ersten Halbzeit." Denn kurz vor dem Pausenpfiff (45.) schlug Villa zu: Nach einem langen Sprint über links legte David Civita den Ball mustergültig quer, Villa drückte ihn über die Linie - 1:2. Der junge Italiener ballte die Fäuste, während Happel auf der Bank die Stirn massierte. "Wir haben das Zentrum verloren, komplett", fluchte er in Richtung seiner Assistenten. Doch der HSV kam wieder. Direkt nach Wiederanpfiff (50.) traf Aaron Cascarino, erst 19 Jahre alt, zum 2:2. Ein schöner Angriff über Alain Fouquet, der den Ball mit dem Außenrist in den Lauf des Flügelflitzers steckte. Cascarino blieb cool, und das Stadion tobte. Für einen Moment sah es so aus, als könne Hamburg das Spiel drehen. Dann aber übernahm wieder Steuden das Kommando. 19 Torschüsse insgesamt, fast doppelt so viele wie der Gastgeber - und mit 54,6 Prozent Ballbesitz auch die klareren Strukturen. In der 72. Minute war es erneut Eugenio Villa, der nach Pass von Carl Barros das 3:2 markierte. Ein Treffer, der in seiner Entstehung so einfach wie schmerzhaft war: kurzer Doppelpass, ein Haken, Abschluss - und Stille im Volkspark. "Das war pure Kaltschnäuzigkeit", lobte Konter seinen Doppel-Torschützen, der mit 21 Jahren schon so abgeklärt wirkte, als hätte er die Serie A längst hinter sich. Villa selbst blieb bescheiden: "Ich hatte heute einfach gute Beine. Und einen Trainer, der mir erlaubt hat, Spaß zu haben." Hamburg versuchte in der Schlussphase alles, brachte frische Kräfte wie Juergen Lauer und Wladimir Gorgon, doch die Angriffsbemühungen wirkten zunehmend verzweifelt. In der 90. Minute zog Sandor Feldmann noch einmal ab - Steudens Keeper Julius Seiler lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. Danach war Schluss, und der Jubel der Gäste kannte keine Grenzen. "Wir müssen lernen, dass Ballbesitz keine Tore schießt, wenn der letzte Pass fehlt", seufzte Happel nach dem Schlusspfiff. Seine Spieler schlichen vom Platz, während Konter im Interview das Grinsen nicht mehr loswurde: "Ich hab den Jungs gesagt, wir spielen heute auf Sieg. Sie haben mich beim Wort genommen." Statistisch gesehen war Steuden das reifere Team: mehr Schüsse, besseres Zweikampfverhalten (53,2 Prozent gewonnen) und eine bemerkenswerte Ruhe im Aufbau. Hamburgs Offensive wirkte phasenweise ideenlos, die Defensive fahrig. Nur Cascarino und Postiga brachten echte Gefahr, doch gegen Quixano und Villa reichte das nicht. Ein Fan fasste es auf der Tribüne galgenhumorig zusammen: "Wenn wir schon 2:3 verlieren, dann wenigstens mit Stil." Und in der Tat: Es war ein unterhaltsames Spiel, das Lust auf mehr macht - zumindest aus neutraler Sicht. Vielleicht bringt der nächste Spieltag die Wende. Bis dahin bleibt für den Hamburger SC nur die Erkenntnis: In der 2. Liga wird auch aus einem vermeintlich leichten Auftakt schnell ein Lehrstück in Effizienz. Oder, wie Trainer Happel trocken meinte, bevor er in die Kabine verschwand: "Konter kann’s halt." 29.05.643990 23:35 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus