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Es war einer dieser lauen Sommerabende, an denen 71.100 Zuschauer im ausverkauften Stadion dachten, sie bekämen eine klare Sache serviert. Pokal-Viertelfinale, Flutlicht, der große SVB Leverkusen gegen den Außenseiter Germania Ilmenau - das klang nach Standfußball mit drei Toren Unterschied. Am Ende wurde es das tatsächlich, nur eben anders herum: 3:4 nach Elfmeterschießen, und der Favorit steht staunend da wie ein Tourist ohne Stadtplan. Leverkusen begann, wie es sich für einen haushohen Favoriten gehört: mit einem Feuerwerk an Chancen. Schon in der zweiten Minute prüfte Alex Collantes den Ilmenauer Keeper Joel Bruce, der sich in dieser Nacht als lebende Wand erweisen sollte. "Ich hab einfach versucht, groß zu wirken", grinste Bruce später und reckte dabei seine 1,82 Meter in die Höhe. Die Gastgeber hatten 54,9 Prozent Ballbesitz, 19 Schüsse aufs Tor - aber wie so oft im Pokal war Statistik nur das Trostpflaster der Ahnungslosen. Denn Germania Ilmenau, dieser tapfere Haufen aus Thüringen, hielt dagegen, bissig, laufstark und mit einem Plan: den Gegner mürbe machen und auf den Moment warten. Der kam in der 35. Minute zunächst für die Leverkusener. Linksverteidiger Callum Farnsworth, sonst eher Mann für rustikale Grätschen als für feine Tore, nahm sich ein Herz und traf nach Vorarbeit von Emil Musiala aus 20 Metern in den Winkel. 1:0 - Stadion bebt, Bier schwappt, alles läuft nach Drehbuch. Doch Germania Ilmenau hatte keine Lust auf Nebenrollen. Nur sieben Minuten später fiel das, was man in Ilmenau wohl einen "historischen Moment" nennen wird: Karl Maus, der flinke Linksaußen, traf nach feiner Vorlage von Carsten Funk zum 1:1. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt. Ich wollte eigentlich flanken", gestand Maus später mit einem Grinsen, das zwischen Scham und Stolz pendelte. Zur Pause stand’s also ausgeglichen, und Trainer Meister Leverkusen sah nicht aus, als wolle er seinem Namen gerecht werden. "Wir müssen wieder Tempo machen, Jungs!", schrie er über den Platz, während sein Gegenüber Thorben Hartung seelenruhig an seinem Kaugummi kaute. Die zweite Halbzeit? Ein zähes Ringen. Leverkusen rannte an, Samuel Roades und Miroslav Ljuboja ballerten, was das Zeug hielt - aber Bruce im Tor der Gäste flog, hechtete und murmelte angeblich einmal: "Nicht mit mir, Freunde." Auch als Dorinel Piturca nach 45 Minuten für Rakic kam, änderte sich wenig. Germania verteidigte mit Herz, Humor und gelegentlicher Verzweiflung. Dann die Verlängerung: Müdigkeit kroch in die Beine, Gelb für Xavi Celis (111.) und kurz darauf seine Verletzung - sinnbildlich für den Kräfteverschleiß des Favoriten. In der 114. Minute humpelte er vom Feld, Teodor Krog kam - und sah prompt, wie Ilmenaus Rafael Weis auf der anderen Seite ebenfalls verletzt raus musste. Es war mehr Lazarett als Fußballspiel. Nach 120 Minuten hieß es immer noch 1:1. Elfmeterschießen also - die große Lotterie, in der Helden und Schuldige per Münzwurf entstehen. Emil Musiala eröffnete für Leverkusen und traf. Lucas Reimann glich aus. Dann verschoss Dorinel Piturca - der Ball segelte in die Oberränge, wo ein Fan ihn angeblich mit den Worten "Den nehm ich mit nach Hause" fing. Karl Gruber verwandelte cool für Ilmenau. Roades scheiterte, Maus für Ilmenau ebenfalls. Ljuboja setzte seinen Versuch daneben, und als John Hartshorn noch einmal Hoffnung brachte, trat Carsten Funk an - und verwandelte zum 4:3 für die Gäste. Die Ilmenauer Spieler stürzten sich in einem Knäuel aufeinander, irgendwo dazwischen verschwand Trainer Hartung, der später meinte: "Ich weiß gar nicht, wer mich zuerst umgerannt hat. Aber das war’s wert." Leverkusen hingegen stand wie versteinert. Trainer Meister Leverkusen murmelte in die Mikrofone: "Wir haben das Spiel kontrolliert, die Chancen gehabt - aber am Ende entscheidet halt das Glück. Oder der Pokal. Oder beides." Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfquote - alles für den SVB. Doch der Pokal schreibt seine eigenen Märchen, und diesmal war’s eines aus Ilmenau. Vielleicht war es nicht das schönste Spiel, aber gewiss eines der lehrreichsten: Wer zu sicher ist, stolpert über seine eigenen Erwartungen. Und wer an sich glaubt, kann auch im Elfmeterschießen den Giganten fällen. Oder, wie Ilmenaus Torwart Bruce es beim Verlassen des Stadions formulierte: "Ich glaub, die Jungs in Leverkusen haben mich heute groß gemacht - im wahrsten Sinne." Ein Satz, der wohl noch eine Weile nachhallen wird - zumindest bis zum Halbfinale. 24.06.2026 08:21 |
Sprücheklopfer
Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!
Andreas Möller