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Wenn 43.500 Zuschauer an einem kalten Februarabend ins Stadion strömen, erwarten sie eigentlich ein Fußballfest - und keinen gedämpften Betriebsunfall. Doch genau das erlebte Hannover am Donnerstagabend beim 0:1 gegen Tasmania Berlin in der ersten Pokalrunde. Ein einziger Treffer, ein beherzter Außenseiter und jede Menge ratlose Gesichter prägten ein Spiel, das so gar nicht nach dem Drehbuch des Favoriten verlief. Von Beginn an war klar: Tasmania Berlin hatte keine Lust, die brave Nebenrolle zu spielen. Schon in der vierten Minute prüfte Bjarni Lundqvist mit einem wuchtigen Schuss Hannovers Keeper Oscar Warriner, der sich mit einer Flugeinlage in die Herzen der Fans hechten wollte - aber wohl eher in den feuchten Rasen. Der Ball ging vorbei, das Publikum hatte seinen ersten Adrenalinschub. Hannover dagegen begann wie ein Diesel im Winter: viel Geräusch, wenig Vortrieb. Iker Andrade versuchte es in der siebten Minute aus der Distanz - ein Schuss, der in der Statistik als "Torschuss" geführt wird, in der Erinnerung aber als "freundlicher Ballrückgabeversuch an den Torwart". Tasmania spielte munter weiter, flankte, schoss, rannte - und vor allem: glaubte an das Märchen. Trainer Michael Meister brüllte von der Seitenlinie: "Attacke, Männer! Wir sind nicht zum Sightseeing hier!" Seine Mannschaft verstand. Goran Ilicevic ballerte in der 14. Minute drüber, Michael Konrad prüfte kurz darauf erneut den Reflexapparat von Warriner. Hannover hatte zwar mit 57 Prozent mehr Ballbesitz, doch das war ungefähr so hilfreich wie ein Schirm bei Sturmflut. Die Niedersachsen kombinierten bis zum Strafraum, dort aber schien eine unsichtbare Barriere zu stehen. "Wir waren geduldig", meinte Trainer Daniel Dietrich später - und fügte nach kurzer Pause hinzu: "Vielleicht zu geduldig." Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte: mit Berliner Mut und hannoverscher Behäbigkeit. Luke MacRae sah in der 57. Minute Gelb - vermutlich aus Frust, weil die Gäste einfach mehr wollten. Wenige Minuten später wechselte Dietrich doppelt, brachte Marco Meira und den erfahrenen Dimitar Donkow. Der gewünschte Impuls blieb jedoch aus. Anders bei Tasmania: Meister brachte den quirligen Sasa Jestrovic, der sofort Leben in die rechte Seite brachte. Gemeinsam mit John Gady bildete er ein Duo, das Hannovers Defensive alt aussehen ließ. Und dann kam die 78. Minute: Jestrovic setzte sich über rechts durch, flankte halbhoch in den Strafraum - und Gady, eigentlich rechter Verteidiger (!), rauschte heran, traf den Ball mit der Wucht eines Presslufthammers und versenkte ihn ins linke Eck. 1:0 für Tasmania. Der Jubel der Berliner kannte keine Grenzen. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft, dass keiner im Weg steht", grinste Gady nach dem Spiel. Hannover versuchte danach, aufzuwachen - aber da war es schon zu spät. Lukas Penicka prüfte Keeper Henri Boyer noch einmal in der 59. Minute, doch Boyer hielt, was es zu halten gab. Die Statistiken erzählten am Ende eine fast tragikomische Geschichte: Hannover mit mehr Ballbesitz, aber nur vier Torschüssen. Tasmania dagegen zehn Abschlüsse, ein Tor, ein Traum. "Wir haben uns heute selbst geschlagen", knurrte Hannovers Coach Dietrich auf der Pressekonferenz. "Aber gut, wenigstens hat keiner den Rasen kaputtgetreten." Tasmania-Trainer Meister hingegen konnte sich das Grinsen kaum verkneifen: "Wir haben gewusst, dass Hannover defensiv steht. Also dachten wir, wir schießen einfach öfter drauf. Irgendwann geht einer rein - und siehe da." Die Berliner Taktik, laut Datenauswertung von Anfang bis Ende offensiv ausgerichtet, wirkte wie ein trotziges "Warum denn nicht?". Hannover hingegen blieb stoisch defensiv, als würde ein 0:0 reichen - was es bekanntlich im Pokal nie tut. Am Ende verließen die Fans das Stadion zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor. "Das war wohl kein Heimvorteil, sondern ein Heimwehspiel", witzelte ein älterer Zuschauer, während er seine Bratwurstreste wegwarf. Tasmania Berlin hingegen feierte im Kabinengang, lautstark und ungläubig. "Wir wollten Geschichte schreiben", sagte Meister mit einem Augenzwinkern. "Jetzt müssen wir nur hoffen, dass sich keiner daran erinnert, wie viele Chancen wir vorher vergeben haben." Ein Pokalabend, wie er im Drehbuch des Fußballs steht - nur dass Hannover diesmal die tragische Hauptrolle übernahm. Tasmania Berlin dagegen? Ein kleiner Club, der zeigte, dass Mut manchmal mehr wert ist als Ballbesitzstatistik. Und irgendwo in Berlin wird heute Nacht ein gewisser John Gady noch lange wach liegen - mit einem breiten Grinsen und der Gewissheit, dass Helden manchmal aus der Abwehr kommen. 26.07.643990 20:45 |
Sprücheklopfer
Die Fans müssen wissen, dass ich kein Clown bin.
Oliver Kahn