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Es gibt Fußballabende, an denen man schon nach einer Viertelstunde ahnt, wie das hier ausgehen wird. Der 5. Spieltag der 1. Liga Deutschland, Eschborn gegen Tasmania Berlin, war genau so einer. 46.600 Zuschauer im proppevollen Stadion sahen, wie die Gäste aus der Hauptstadt von der ersten Minute an das Kommando übernahmen - während der 1. FC Eschborn sich eher auf das Verteidigen und gelegentliche Stoßgebete in Richtung gegnerisches Tor beschränkte. Trainer Yas Sin hatte seine Elf defensiv eingestellt - "Wir wollten erstmal sicher stehen", erklärte er später mit einem Gesichtsausdruck, der eher "Wir wollten nicht schon wieder fünf kriegen" bedeutete. Doch nach 15 Minuten war’s mit der Sicherheit vorbei: Goran Ilicevic bekam im Strafraum den Ball von Jan Labant in den Lauf gespielt und schob eiskalt zum 0:1 ein. Es war der erste von insgesamt 18 Torschüssen der Berliner, und gleich der erfolgreichste. Eschborn? Versuchte sich im Konterspiel, was auf dem Papier gar nicht so schlecht klang. In der Realität aber bestand das aus langen Bällen, die meist direkt beim gegnerischen Innenverteidiger Kai Mills landeten. Nur einmal, in der 29. Minute, schaffte es Noah Becker, den Ball tatsächlich aufs Tor zu bringen. Tasmanias Keeper Tiago Valente staubte sich danach die Handschuhe ab und wirkte, als habe er den Rest des Abends frei. Mit 0:1 ging es in die Pause, und wer glaubte, dass sich danach etwas ändern würde, hatte offenbar einen anderen Spielplan gelesen. Coach Sin brachte gleich drei neue Leute - McShane, Penksa und Nowak -, aber auch die frischen Beine halfen nichts gegen die Berliner Angriffswellen. "Wir wussten, dass sie tief stehen würden", sagte Tasmanias Trainer Michael Meister später. "Aber wenn du 18 Schüsse hast, musst du irgendwann treffen." Und natürlich taten sie das. In der 59. Minute war es dann Jan Labant selbst, der nach Vorarbeit von Bjarni Lundqvist aus zehn Metern in die Ecke traf - 0:2. Eschborns Verteidiger schauten einander an, als hätten sie sich gegenseitig den Parkplatz geklaut. Elf Minuten später wieder Labant: Diesmal nach einem cleveren Steckpass von Pedro Celis. Der 32-Jährige traf humorlos flach ins lange Eck - 0:3, der Deckel war drauf. Danach spielte Tasmania, als wollten sie noch ein bisschen Werbung für Kurzpassspiel machen. Der Ballbesitz lag nahezu ausgeglichen (49 zu 51 Prozent), aber das war einer dieser Werte, die man nur glaubt, wenn man keine Augen hat. Denn Eschborns Ballbesitz bestand aus Rückpässen zum Torwart, während Berlin mit jeder Aktion gefährlich blieb. Einziger Lichtblick für die Gastgeber: Meik John sah in der 66. Minute Gelb, also immerhin farblich etwas Abwechslung auf der Anzeigetafel. "Ich wollte einfach mal zeigen, dass ich auch da bin", grinste der Rechtsverteidiger später - immerhin Humor hat man in Eschborn. Ab der 70. Minute wurde das Spiel zu einer Art Trainingsmatch. Die Berliner wechselten munter durch - Canalejas für Gebhardt, Custodio für Corona, später Farnsworth für Angelow - und ließen Ball und Gegner laufen. "Wir haben es dann etwas ruhiger angehen lassen", sagte Doppeltorschütze Labant, "aber ehrlich, ich hätte gern noch eins gemacht." Niemand im Stadion hätte ihm das verübelt - außer vielleicht die Eschborner Hintermannschaft. Die Statistik unterstreicht das Geschehen gnadenlos: 18 Torschüsse für Berlin, einer für Eschborn. 59 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gäste, 41 für die Hausherren. Und ein Trainer Yas Sin, der nach dem Abpfiff nur seufzte: "Wir haben versucht, das Spiel eng zu halten. Hat geklappt - für 15 Minuten." Tasmania Berlin dagegen feierte ausgelassen vor der Kurve. Meister lächelte zufrieden: "Ich bin froh, dass die Jungs sich belohnt haben. Wir trainieren das schnelle Umschalten - heute hat’s geklappt." Eschborns Fans applaudierten am Ende trotzdem, vermutlich aus Mitleid oder als Zeichen, dass sie das Stadion nicht vorzeitig verlassen wollten. Und irgendwo auf der Tribüne hörte man einen Zuschauer sagen: "Na ja, wenigstens war das Flutlicht schön." So endete ein Abend, an dem Tasmania Berlin klarstellte, dass man auch mit nüchternem, fast chirurgischem Fußball begeistern kann - und Eschborn daran erinnerte, dass man mit "defensiv" zwar Spiele zäh machen kann, aber selten Punkte holt. Kurzum: ein lehrreicher Abend für beide Seiten. Für Berlin drei Punkte, für Eschborn die Erkenntnis, dass man ohne Torschüsse keine Tore schießt - und dass Hoffnung im Fußball zwar zuletzt stirbt, aber manchmal eben schon nach einer Viertelstunde. 06.03.643987 09:13 |
Sprücheklopfer
Die haben Fußball-Fachmänner, die haben so viel Ahnung vom Fußball wie ich vom Breakdance.
Thomas Häßler über Borussia Dortmund