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Wenn man 21 Torschüsse abfeuert, 51,8 Prozent Ballbesitz hat und trotzdem nicht trifft, darf man sich fragen: Hat da jemand die Tore zu klein gebaut? Der Bornaer SV erlebte am Sonntagabend beim 22. Spieltag der 2. Liga gegen den Hamburger SC genau dieses Gefühl - und das bei 21.674 Zuschauern, die alles sahen, außer einem Tor. Schon nach neun Minuten begann der Sturmlauf der Gastgeber. Yochanan Itzhaki, der bullige Mittelstürmer, prüfte erstmals den jungen Hamburger Keeper Marco Ruiz. Der lenkte den Ball zur Ecke - und das war, wie sich später herausstellen sollte, der Beginn einer langen Freundschaft zwischen ihm und den Bornaer Angreifern. Giovanni Sosti zog nur eine Minute später aus 20 Metern ab, Louis Gramont donnerte in der 12. Minute knapp vorbei, und Innenverteidiger Nevio Peyroteo versuchte sich in Minute 15 als Spielmacher. Es war ein Feuerwerk ohne Funken. Trainer Wer Ninho stand an der Seitenlinie und raufte sich die Frisur. "Wir wollten über die Flügel spielen, aber irgendwann dachte ich, wir müssten vielleicht auch mal über den Schiedsrichter", witzelte er später. Tatsächlich kamen die Bornaer über Vincent Varela und Gramont immer wieder gefährlich hinter die Abwehr, doch Ruiz hielt, blockte, flog - und grinste dabei, als hätte er einen Pakt mit den Torpfosten geschlossen. Die Hamburger Defensive, ein Ensemble aus Teenagern und Talenten, wackelte zwar, fiel aber nie. "Wir haben mit Herz verteidigt", sagte der erst 17-jährige Innenverteidiger Marek Holosko, der in der 63. Minute Itzhaki den Ball quasi vom Fuß stahl. "Der Typ ist doppelt so alt und doppelt so schwer - aber ich hatte weniger Angst als vor meiner Matheprüfung." Nach der Pause dasselbe Bild: Borna drückte, Hamburg konterte - theoretisch. Praktisch kam der einzige Torschuss der Gäste von Fabian Kessler in der 73. Minute, ein harmloser Roller, der in den Armen von Borna-Keeper Michel Moreno landete. Kurz davor hatte Ninho seinen Torwart sogar ausgewechselt - Francisco Sa Pint, 19 Jahre jung, durfte seine ersten Profi-Minuten sammeln. "Michel hatte Krämpfe im Gesicht vom Zuschauen", scherzte der Coach. Borna versuchte alles: Itzhaki prüfte Ruiz in den Minuten 47, 54 und 65, Fournier zog aus der Distanz, Gramont wirbelte bis zur Erschöpfung. In der 91. Minute schließlich, als das Stadion schon kollektiv den Atem anhielt, setzte Varela den Ball aus fünf Metern an den Außenpfosten. Da wusste man: Heute passiert nichts mehr. Hamburgs Trainer Bernd Happel stand derweil stoisch an der Linie, Hände in den Taschen, Mundwinkel leicht nach oben. "Wir wussten, dass Borna offensiv marschiert. Deshalb haben wir das Tor einfach verteidigt wie einen Schatz", erklärte er hinterher mit trockenem Humor. "Und wenn man nur einmal schießt, kann man auch keinen Konter verhauen." Statistisch war es ein kleines Wunder: 21 Torschüsse gegen einen, 58 Prozent der Zweikämpfe für Borna, 51,8 Prozent Ballbesitz - und trotzdem ein 0:0. Wer Ninho fasste es später so zusammen: "Ich habe meiner Mannschaft gesagt, dass Tore nicht durch Mitleid fallen. Vielleicht sollten wir das nächste Mal vorher fragen, ob der Ball rein darf." Die Zuschauer verabschiedeten ihr Team trotzdem mit Applaus. Man hatte ja alles gesehen: Leidenschaft, Tempo, Dramatik - nur kein Tor. Ein älterer Fan auf der Haupttribüne brachte es auf den Punkt: "Die Jungs hätten wahrscheinlich auch bis Mitternacht gespielt, ohne dass was reingeht. Aber hey, wenigstens ist das Bier noch kalt." Und so bleibt vom Abend in Borna ein Spiel, das in keiner Highlight-Zusammenfassung auftauchen wird, dafür aber in der Kategorie "Wie man 90 Minuten dominiert und doch nichts gewinnt". Der Hamburger SC reist mit einem Punkt im Gepäck nach Hause, der Bornaer SV mit vielen Fragezeichen - und einer Erkenntnis: Ballbesitz ist schön, Tore sind schöner. Vielleicht klappt’s ja nächste Woche. Vorausgesetzt, das Tor steht dann auch offen. 21.05.643993 22:49 |
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