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Ein Sommerabend, 19 Uhr, 59.000 Zuschauer im Stadion - und ein Pokalfinale, das an Dramatik kaum zu überbieten war. TuS Hordel bezwang Gelsenkirchen 04 mit 2:1 (1:0) und schrieb damit das letzte Kapitel eines Fußballmärchens, das irgendwo zwischen Ruhrpott-Romantik und taktischer Cleverness angesiedelt ist. Von Beginn an war klar: Hier wollte keiner abwarten. Beide Teams starteten offensiv - Hordel attackierte mit langen Bällen und schnellem Umschalten, Gelsenkirchen suchte den gepflegten Aufbau und das sichere Passspiel. Schon in der ersten Minute prüfte Marwin Rodriguez mit einem Distanzschuss die Reflexe von Gästetorwart Wilhelm Preuss. Der klärte spektakulär, als wolle er gleich zu Beginn klarmachen: "Heute wird hier nichts geschenkt." Doch Hordel ließ sich nicht beeindrucken. Mit 52 Prozent Ballbesitz und 15 Torschüssen übernahm das Team von Trainerin Ute Finkeldy die Initiative. Nach 25 Minuten wurde das belohnt: Ein weiter Ball von Linksverteidiger Klaus Merkel segelte in den Strafraum, Ernst Kunkel nahm ihn mit der Brust an, drehte sich blitzschnell und drosch das Leder humorlos unter die Latte. 1:0 - und eine Jubelorgie auf den Rängen. "Ich hab nur gedacht: Einfach draufhalten!", grinste Kunkel später. Gelsenkirchen 04, trainiert von Andreas Meyer, kam nach der Pause wütend aus der Kabine. Offensiv, fast trotzig, wie ein angeschlagener Boxer, der noch einen letzten Schlag setzt. Und tatsächlich: In der 56. Minute gelang der Ausgleich. Jannick Bach, der schon früh mit gefährlichen Schüssen aufgefallen war, traf nach feinem Zuspiel von Heinrich Petersen zum 1:1. Ein Tor aus dem Lehrbuch des Mittelfeldspiels, präzise, elegant, unhaltbar. "In dem Moment dachte ich, jetzt kippt das Spiel", bekannte später Hordel-Keeper Jacob Montgomery, der sonst ein sicherer Rückhalt war. Doch Hordel wäre nicht Hordel, wenn sie sich mit einem Gleichstand zufriedengegeben hätten. Die Mannschaft zog das Tempo wieder an, kämpfte sich zurück - und zeigte, dass Kontertaktik auch Kunst sein kann. In der 80. Minute war es dann soweit: Vincent Albinana bediente Tiago Valente mit einem butterweichen Pass in die Tiefe, Valente blieb eiskalt und schob überlegt zum 2:1 ein. "Ich hab Ute an der Seitenlinie schreien hören: ’Bleib ruhig!’ - da wusste ich, das Ding mach ich", lachte der Portugiese nach dem Spiel. Die letzten Minuten wurden zum Nervenkrimi. Gelsenkirchen warf alles nach vorne, wechselte offensiv, drückte mit aggressivem Pressing. In der 85. Minute dann Schreckmoment: Horst Schulz verletzte sich bei einem Sprintduell und musste raus. Trainer Meyer schickte Tomas Ledig aufs Feld, der sofort versuchte, das Spiel anzukurbeln - vergeblich. Hordel verteidigte mit Herz, Verstand und gelegentlich auch mit Detlev Foersters gelber Karte (65.). "Das war kein Foul, das war Liebe zum Spiel", witzelte Foerster später mit einem Augenzwinkern. Als Schiedsrichterin Martina Krüger nach 94 Minuten abpfiff, explodierte das Stadion in Grün und Weiß. Die Spieler warfen sich in die Arme, Trainerin Finkeldy sank auf die Knie und sagte später, halb lachend, halb weinend: "Ich glaube, ich hab noch nie so viele lange Bälle gesehen, die so schön waren." Auch wenn Gelsenkirchen 04 mehr Ballkontrolle und am Ende pure Leidenschaft zeigte - der Pokal blieb in Hordel. "Wir haben einfach vergessen, das zweite Tor zu machen", resümierte Meyer mit einem bitteren Lächeln. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: 15 zu 11 Schüsse, 52 zu 48 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote von 51 zu 48 für Hordel. Doch Zahlen erzählen nicht, wie ein Stadion bebt, wenn 59.000 Kehlen "Hordel!" rufen und der Underdog den Favoriten stürzt. Am Ende blieb das Gefühl, Zeuge eines Abends gewesen zu sein, an dem der Fußball wieder ganz einfach war: Herz, Kampf, Leidenschaft - und ein bisschen Chaos. Oder, wie es Kapitän Nico Blum trocken zusammenfasste: "Wir hatten keinen Plan B. Aber Plan A war ziemlich gut." So endet das Pokalfinale 2026 mit einem Sieger, der sich nicht verstecken muss - und einem Gegner, der trotz Niederlage erhobenen Hauptes geht. Fußball kann grausam sein, aber manchmal auch gerecht. Und in Hordel wird man diese Nacht wohl noch lange feiern - mit oder ohne Taktiktafel. 02.07.2026 08:52 |
Sprücheklopfer
Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien!
Andreas Möller