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Es war einer dieser Abende, an denen das Flutlicht heller strahlte als die Hoffnung der Heimfans. 32.354 Zuschauer im Stadion von Bad Urach sahen ein Spiel, das in den ersten 45 Minuten mehr Tempo, Emotion und Drama bot als manchem Fernsehzuschauer lieb war - und in dem ein Mann den Unterschied machte: Nevio Dietrich, der 31-jährige Rechtsaußen des 1. FC Eschborn. Schon nach fünf Minuten ließ sich erahnen, dass die Bad Uracher an diesem Abend mutig auftreten wollten. Frank Keller prüfte Eschborns Keeper Johann Rupp mit einem frühen Distanzschuss - ein erstes Achtungszeichen. "Wir wollten zeigen, dass wir keine Punktelieferanten sind", sagte Keller später mit einem Grinsen, das mehr Trotz als Freude verriet. Doch wie so oft im Fußball, bestraft der Gegner die guten Vorsätze. In der 25. Minute kombinierte sich Eschborn über Niklas Steffen und eben jenen Dietrich durchs rechte Halbfeld. Ein kurzer Doppelpass, ein Haken, ein satter Schuss - und schon zappelte der Ball im Netz. 0:1, und plötzlich war es im Stadion so still, dass man die Rasenheizung hätte schnurren hören können. Nur sechs Minuten später meldete sich Bad Urach allerdings zurück. Eduardo Pelegrin, der rechte Flügelflitzer, fasste sich nach einem Ballgewinn im Mittelfeld ein Herz und jagte das Leder trocken ins Eck. Torwart Rupp streckte sich vergeblich, und Giuseppe Spera, der Trainer der Hausherren, hüpfte wie ein Teenager beim ersten Konzert seiner Lieblingsband. "Das war der Moment, an dem ich dachte, jetzt kippt’s zu unseren Gunsten", gestand Spera später. Doch das Schicksal - oder besser gesagt, Nevio Dietrich - hatte andere Pläne. Nur sechs Minuten nach dem Ausgleich, in der 37. Minute, schlug Eschborns Nummer 7 erneut zu. Dieses Mal nutzte er ein Kuddelmuddel im Strafraum, reagierte am schnellsten und drückte den Ball über die Linie. 1:2 - und damit war der Pausenstand besiegelt. Danach verlegte sich Eschborn auf kontrollierte Offensive, während Bad Urach verzweifelt nach Lücken suchte. Statistisch sah es gar nicht schlecht aus: 52 Prozent Ballbesitz, acht Torschüsse, und eine Zweikampfquote knapp über 50 Prozent. Aber was nützen Zahlen, wenn der Ball nicht rein will? In der 64. Minute hatte Frank Keller die größte Gelegenheit zum Ausgleich, als er nach einer butterweichen Flanke von Elias Rodriguez frei zum Kopfball kam - aber den Ball über die Latte setzte. "Ich hab’ den Wind unterschätzt", murmelte Keller später, als er sich durch die Mixed Zone schlich. Der Wind dürfte sich geschmeichelt gefühlt haben. Giuseppe Spera reagierte, brachte frische Kräfte: Torwart Werner Schultz kam für Jegor Schepelew (der sich beim Rauslaufen lautstark über sein Schicksal beschwerte), später ersetzte Mike Klein den ausgelaugten Marco Stark. Doch es half nichts. Eschborn verteidigte clever - mit einer Mischung aus galliger Aggressivität und gepflegtem Zeitspiel. In der 84. Minute hätte Wilhelm Holz alles klar machen können, doch sein Schuss aus spitzem Winkel landete im Fangnetz. Kurz darauf sah Rastislav Harsanyi Gelb für ein taktisches Foul, das man auch als "Erinnerung an die guten alten 80er" bezeichnen könnte. In der Nachspielzeit versuchte Bad Urach noch einmal alles. Elias Rodriguez prüfte den eingewechselten Keeper Johann Rupps Ersatz, Amaury Alvarez, mit einem strammen Schuss - doch der junge Schlussmann hielt mit den Fingerspitzen. Sekunden später pfiff der Schiedsrichter ab, und Yas Sin, Eschborns Trainer, reckte die Fäuste gen Himmel. "Wir haben heute gezeigt, dass Leidenschaft manchmal mehr zählt als Ballbesitz", sagte er, während ihm ein Reporter den Mikrofonpuschel fast in die Nase drückte. Bad Urachs Spera hingegen fasste das Spiel mit einer Mischung aus Ironie und Galgenhumor zusammen: "Wir hatten mehr vom Ball, mehr vom Willen - aber leider weniger vom Glück. Vielleicht sollte ich den Jungs morgen beim Abschlusstraining ein Zielwasser ausschenken." Am Ende stand ein 1:2, das Eschborn verdient, wenn auch mit etwas Wackeln über die Zeit brachte. Zwei Tore von Dietrich, ein kämpferisches Bad Urach und ein Publikum, das trotz der Niederlage applaudierte - alles in allem ein Abend, der zeigte, dass Fußball eben nicht nur aus Tabellenpunkten besteht, sondern auch aus Geschichten, die man sich noch lange weitererzählt. Und während die Flutlichter langsam erloschen, hörte man im Kabinengang noch einen Eschborner Spieler rufen: "Trainer, das war nix für schwache Nerven!" - worauf Sin nur trocken antwortete: "Aber gut fürs Herz." So klang ein Spiel aus, das alles hatte - außer einem Happy End für Bad Urach. 26.05.643987 16:27 |
Sprücheklopfer
Das hätte in der Türkei passieren dürfen, aber nicht in der zivilisierten Welt.
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