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Es war ein kalter Januarabend in Merseburg, aber 36.961 Zuschauer trotzten der Witterung, um Zeuge eines Spiels zu werden, das lange Zeit wie eine einseitige Angelegenheit aussah - und am Ende doch in einem Drama endete, das selbst Shakespeare nicht besser geschrieben hätte. SC Papenburg gewann beim VfB Merseburg mit 3:2 (2:0) und nahm damit drei Punkte mit, die sich der Gastgeber eigentlich fest in den Kalender eingetragen hatte. Schon nach sechs Minuten rieben sich die Fans verwundert die Augen: Julian Andrade, der Flügelflitzer der Gäste, rauschte über links heran, bekam den Ball von Ilie Florea maßgerecht serviert und drosch ihn humorlos in den Winkel. Merseburgs Keeper Vahit Üzülmez schaute dem Leder nur melancholisch hinterher. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte er später mit einem Achselzucken, das den ganzen Abend zusammenfasste. Der frühe Rückstand lähmte den VfB, und Papenburg roch Blut. In der 27. Minute legte Björn Karlson nach - wieder nach Vorlage des überragenden Florea, der an diesem Abend offenbar beschlossen hatte, Merseburgs Abwehr in einen Selbstfindungskurs zu schicken. 0:2, und Trainer Dieter Bergmann stapfte grimmig an der Seitenlinie auf und ab. "Wir haben gespielt, als wollten wir höflich sein", zischte er in der Halbzeit. Statistisch gesehen war die Partie ausgeglichen: 14 zu 13 Torschüsse, 45 zu 55 Prozent Ballbesitz. Aber auf dem Rasen fühlte es sich in der ersten Hälfte an, als hätten die Merseburger ihre Offensive im Bus vergessen. Papenburg spielte offensiv, aggressiv und mit dem Selbstvertrauen eines Teams, das wusste, was es wollte. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild. Bergmann stellte auf "Jetzt erst recht" um, und plötzlich erinnerte sich der VfB daran, dass Tore auch für sie erlaubt sind. In der 49. Minute war es Marian Iliew, der nach einer Flanke von Innenverteidiger Cristobal Veloso (!) den Ball über die Linie drückte. Das Stadion erwachte, und auf einmal schien alles möglich. "Da hat’s geknistert, das spürst du sogar auf der Ersatzbank", grinste Merseburgs Stürmer Stille Scranton später. Und tatsächlich: Der VfB drückte, kombinierte, kämpfte. Papenburg wirkte überrascht, ja fast beleidigt über den plötzlichen Widerstand. In der 73. Minute war es wieder Iliew, diesmal nach schöner Vorarbeit von Otto Justesen, der zum 2:2 traf. Das Stadion bebte, Bergmann ballte die Faust, und selbst die Bratwurststände machten kurz Pause. "Wir waren wieder da", sagte Iliew später, "aber vielleicht ein bisschen zu früh gefeiert." Denn Fußball wäre nicht Fußball, wenn das Drehbuch nicht noch eine bittere Pointe bereithielte. In der 89. Minute schlug der eingewechselte Xabier Galan zu - eiskalt, nach Vorlage von Samuel Suy, der kurz zuvor noch zwischen Pflichtbewusstsein und Muskelkater geschwankt hatte. 2:3, und diesmal blieb Üzülmez nur der Seufzer des Besiegten. "Das war einfach clever gemacht", lobte Papenburg-Coach Frank Helmbrecht seine Mannschaft. "Wir wollten nicht schön, sondern erfolgreich spielen - das ist uns gelungen." Und tatsächlich: Seine Elf spielte unermüdlich offensiv, hielt das Pressing im Zaum, und sogar nach den Wechseln blieb die Struktur erhalten. Merseburg hingegen kämpfte bis zum Schluss, doch der letzte Punch blieb aus. In der Nachspielzeit versuchte es noch einmal der eingewechselte Connor Thuringer, doch sein Schuss landete in den Händen von Papenburgs Torhüter Daniel Cabrera, der danach breit grinste: "War doch klar, dass ich heute den Deckel draufmache." Trainer Bergmann stand nach Abpfiff lange auf dem Rasen, blickte auf die leeren Tribünen und sagte leise: "Wenn wir so spielen wie in der zweiten Halbzeit - aber das ganze Spiel -, dann müssen wir uns vor niemandem verstecken. Nur eben nicht mehr vor dem Ergebnis." So nahm Papenburg verdient, wenn auch glücklich, drei Punkte mit nach Hause. Merseburg dagegen bleibt mit der Erkenntnis zurück, dass Schönheit allein im Fußball selten reicht. Oder wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Zwei Halbzeiten wären schön gewesen - und nicht nur eine." Und irgendwo im Gästeblock sangen die Papenburger Fans, leicht heiser, aber glücklich: "Auswärtssieg!" - und diesmal klang das nicht wie Ironie, sondern wie ein Versprechen für mehr. 14.05.643987 21:05 |
Sprücheklopfer
Das war europäische Weltklasse!
Felix Magath